Zum Fest der Unbefleckten Empfängnis

Lyon, 8. Dezember 1622 (OEA X,399-405; DASal 9,453-458)

Die geringe Zeit und Muße, die uns das Getümmel der Welt läßt, wird die Ursache sein, daß ich sehr einfach und zwanglos (denn mir scheint, daß die Dinge dafür besser geeignet sind) zu euch über zwei Punkte sprechen werde, die ich euch am letzten Donnerstag nicht erklären konnte, d. h. darüber, wie man die Feste feiern muß und welcher Art die Feste und Geheimnisse sind, die wir feiern. Ich bin gewohnt, stets den Gegenstand zu erklären, ehe ich darüber spreche.

Vor allem muß man wissen, daß es dreierlei Feste gibt: jene, die uns die Kirche gebietet, solche, die sie uns empfiehlt, und die staatlichen Feste, wie jenes, das heute wegen des Einzugs des Königs in diese Stadt veranstaltet wird. Es wurde von den Herren der Stadt angeordnet und ist auf diese Weise zu einem staatlichen geworden. Die Feste wurden uns empfohlen, um Gott Ehre zu erweisen, den Kult und die Anbetung, die wir ihm schulden als unserem höchsten Meister und Herrn. Das Fest der Empfängnis der seligsten Jungfrau ist uns nicht geboten, wohl aber empfohlen. Um uns zur frommen Feier dieses Festes einzuladen, gewährt uns die Kirche als liebenswürdige Mutter Ablässe, und es gibt sogar Bruderschaften mit dieser Absicht. Der hl. Hieronymus und der hl. Bernhard empfehlen uns die Feier im Brevier und in den Homilien dieses Tages. Bevor wir aber auf unsere Ausführungen näher eingehen, sagen wir ein Wort über den Inbegriff unseres Glaubens zur Unterweisung der Christen. Man muß vor allem wissen, daß es darin vier Teile gibt: 1. was wir glauben müssen, 2. was wir erhoffen müssen, 3. was wir lieben müssen, 4. was wir tun und üben müssen.

Das erste ist enthalten im Apostolischen Glaubensbekenntnis, das so genannt wird, weil es die Apostel verfaßt haben. Alles, was wir glauben müssen, ist in ihm enthalten; und obwohl darin nicht alles im einzelnen steht, ist es doch im großen enthalten. Im Credo ist z. B. nicht gesagt, daß es Engel gibt; trotzdem ist das eine Wahrheit, die wir glauben und in der Heiligen Schrift finden, sogar, daß sie mit Aufträgen in diese Welt hier unten gesandt wurden. Ebenso wollten die tükkischen Häretiker behaupten, das heilige Meßopfer sei nicht in unserem Glaubensbekenntnis enthalten. Das benützten diese Elenden, um zu sehen, ob es jemand gebe, der so schwachen Glauben hat, an ihre Irrtümer zu glauben. O meine Lieben, ich sage euch, es gibt hundert Artikel in unserem Glauben, die nicht ausdrücklich im Glaubensbekenntnis stehen, die dennoch alle Christen glauben müssen. Man darf nicht sagen: Ich begnüge mich damit, zu glauben, was die Kirche glaubt, und auf diese Weise in dieser krassen Unwissenheit zu verharren.

Was wir erhoffen und von Gott erbitten müssen, ist alles in den sieben Bitten des Vaterunser enthalten, das wir gewöhnlich das Gebet des Herrn nennen, das Unser Herr (Mt 6,9-13) hinterlassen hat.

Zum dritten haben wir die göttlichen Gebote, durch die wir belehrt werden, Gott und den Nächsten zu lieben; denn von diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten ab (Mt 22,37-40). Ihr kennt auch die anderen, die im Dekalog folgen, und die Gebote der Kirche; sie gleicht einem schönen Baum oder vielmehr dem Orangenbaum, der zu jeder Jahreszeit immer grün ist. Tatsächlich sieht man ihn in Italien in der Gegend von Genua und auch in Gegenden Frankreichs, wie in der Provence entlang der Küste, zu jeder Jahreszeit Blätter, Blüten und Früchte tragen. (Gewiß ist der Orangenbaum immer im gleichen Zustand, ohne zu welken; gleichwohl hat er das, weil er nicht nährt.) So hat die Kirche ihre Blätter, das sind ihre Zeremonien, ihre Blüten, das sind ihre Handlungen, und ihre Früchte, das sind ihre guten Werke und das gute Beispiel, das sie bei jeder Gelegenheit dem Nächsten gibt.

Außerdem gibt es in ihr sieben Sakramente, die wir indessen nicht alle zu empfangen verpflichtet sind, sondern nur jeder nach seiner Berufung, wie das der Weihen für die Priester und das Sakrament der Ehe für jene, die Gott dazu berufen hat. Der anderen müssen wir uns nach Zeit und Ort bedienen und sie empfangen, wie es die Kirche uns befiehlt, denn dazu sind wir verpflichtet.

Kommen wir zu unserem zweiten Punkt, d. h. welcher Art die Feste sind, die wir feiern. Erwägen wir zunächst: Gott als reiner und freier Geist wollte etwas außer sich schaffen; da schuf er die Engel und dann Adam und Eva im Stand der ursprünglichen Unschuld und Gerechtigkeit. Außerdem ließ er ihnen die Willensfreiheit, begleitet von allen Vorzügen und Privilegien der Gnade, die sie nur wünschen konnten. Aber was tat Luzifer, dieser Geist des Aufruhrs, der sich mit einer so vorzüglichen Natur ausgestattet sah? Er wollte sich in keiner Weise unterordnen. Nun wißt ihr, daß alle Engel in der Gnade geschaffen wurden, aber sie waren nicht sogleich in ihr gefestigt. Gott hatte ihnen den freien Willen und volle Freiheit gelassen. Da nun der oberste Engel, der Luzifer war, sich so schön und so hervorragend seiner Natur nach sah, denn er war vollkommener als alle, da sagte er bei sich: Ich werde mich dem Höchsten gleich machen und werde mich auf die Flanken des Nordwinds setzen (Jes 14,13f); sie sind die höchsten, und alle werden mir Ehre erweisen. Als der hl. Michael das sah, begann er zu rufen: Wer ist wie Gott? Auf diese Weise stürzte er ihn in den Abgrund der Hölle (Jes 14,11-15; Offb 12,7-9), da sich, wie der hl. Bernhard schreibt, niemand erhöhen kann, der sich nicht zuvor gedemütigt hat.

Da sich Luzifer in dieser Weise gegen seinen Schöpfer aufgelehnt hatte und folglich gegen sein Ebenbild, das der Mensch ist, wandte er sich an unsere Stammeltern, vor allem an Eva, und sprach so zu ihr: Wenn du von dieser Frucht ißt, wirst du Gut und Böse kennen und Gott gleich sein. Sie öffnete ihr Ohr diesem Vorschlag (denn wenn man uns davon spricht, uns zu erhöhen, scheint uns davon all unser Glück abzuhängen); sie gab ihre Zustimmung und aß von der verbotenen Frucht, ja sie ging noch weiter und gab ihrem Mann zu essen, so daß beide nachgaben und ungehorsam gegen Gott wurden. Im selben Augenblick empfanden sie Scham und Verwirrung in sich selbst, denn das bringt die Sünde mit sich, und sie versteckten sich, so gut es ihnen möglich war (Gen 3,1-7). Wären sie in der Gnade geblieben, wären wir dieses unvergleichlichen Glückes teilhaft geworden, denn von ihrem Fall nahm die Erbschuld ihren Ausgang. Das ist das Erbe, das sie uns hinterlassen haben, wie wir ebenso die Gnade und ursprüngliche Gerechtigkeit geerbt hätten, in der sie erschaffen wurden, wenn sie in ihr verharrt wären. Aber ach, sie blieben es nur sehr kurz, es war nur ein Augenblick, und da wir alle vom gleichen Stamm und Geschlecht Adams sind, sind wir alle mit der Erbschuld behaftet; das läßt den großen königlichen Propheten (Ps 51,7) ausrufen: Ecce enim in iniquitatibus ...; das heißt: wir alle sind in Sünde empfangen und alle Empfängnis vom Anfang der Welt bis zum Ende geschieht in Sünde.

Wenn es auch wahr ist, daß unsere Stammeltern, auch Eva, erschaffen wurden und nicht empfangen, so geschieht doch jede Empfängnis der Menschen in Sünde. Nur Unsere liebe Frau und heilige Herrin war von diesem Übel ausgenommen, sie, die Gott zuerst in ihrem Herzen und in ihrem Geist empfing, bevor sie ihn in ihrem keuschen Schoß empfangen hat. Alle Menschen werden als Kinder des Zornes (Ps 51,7; Eph 2,3) geboren infolge der Erbschuld, die sie zu Feinden Gottes macht. Aber durch die Taufe sind sie wiederhergestellt und seine Kinder geworden, fähig seiner Gnade und der Erbschaft des ewigen Lebens. Alle waren mit der Erbschuld behaftet, aber einige wurden durch ein besonderes Wunder vor ihrer Geburt gereinigt, wie der hl. Johannes der Täufer und auch der Prophet Jeremia (1,5). Der hl. Johannes wurde gereinigt bei den Worten der heiligen Jungfrau Maria durch die Gegenwart dessen, der in ihrem heiligen Schoß eingeschlossen war. Unser Herr und der hl. Johannes der Täufer besuchten sich im Leib ihrer Mütter (der Schoß unserer Mütter ist ja eine kleine Welt), und man glaubt, daß der glorreiche Vorläufer auf die Knie fiel, um seinen Erlöser anzubeten, und daß ihm im selben Augenblick der Gebrauch der Vernunft verliehen wurde. Aber die Welt will nur glauben, was sie sieht. Das sei nur nebenbei gesagt.

Indessen wurden der hl. Johannes und Jeremia auf dem gewöhnlichen Weg der Zeugung in Sünde empfangen. Aber bei Unserem Herrn war es nicht so, denn er war empfangen durch den Heiligen Geist (Mt 1,18.20; Lk 1,35) von seiner heiligen Mutter ohne Vater; deshalb gab es keinen Grund, daß er die Erbschuld erbte. Man könnte mir erwidern: Da er unsere Natur angenommen hat, ist er ein Mensch. Das ist wahr, aber er ist auch Gott, und auf diese Weise ist er vollkommen Gott und Mensch, ohne irgendeine Trennung oder Unterscheidung. Er ist nicht aus dem Geschlecht Adams, d. h. nicht auf dem Weg der Zeugung, sondern er wurde von seiner Mutter empfangen ohne Vater; er war wohl aus dem Stoff Adams, nicht aber aus seinem Geschlecht.

Was Unsere liebe Frau betrifft, die seligste Jungfrau, wurde sie auf dem gewöhnlichen Weg der Zeugung empfangen. Da Gott sie aber in seinem Plan von aller Ewigkeit zu seiner Mutter vorherbestimmt hat, bewahrte er sie rein und frei von aller Befleckung, obwohl sie ihrer Natur nach sündigen konnte. Darüber gibt es keinen Zweifel, was die persönliche Sünde betrifft. Ich muß mich eines Vergleichs bedienen, um euch das verständlich zu machen. Wißt ihr, wie die Perlen entstehen? (Viele Frauen wünschen sich Perlen, aber um mehr kümmern sie sich nicht.) Die Perlmütter machen es wie die Bienen. Sie haben eine Königin, wählen dazu die größte unter ihnen und folgen ihr alle. Sie kommen an die Oberfläche der Meereswellen zur Zeit der größten Kühle, d. h. am Beginn des Tages, vor allem im Monat Mai. Wenn sie da sind, öffnen sie ihre Schalen gegen den Himmel, und wenn die Tautropfen in sie fallen, schließen sie die Schalen wieder derart, daß sie diesen Tau im Meer umschließen und in Perlen verwandeln, mit denen man solchen Staat macht. Beachtet aber, daß sie ihre Schalen so fest schließen, daß kein Salzwasser eindringen kann (Plinius).

Dieser Vergleich dient meinem Vorhaben gut. Der Herr hat dasselbe für die heilige Jungfrau, Unsere liebe Frau, getan, denn im Augenblick ihrer Empfängnis griff er ein oder fing sie vielmehr gewissermaßen auf, um zu verhindern, daß sie der Erbschuld verfiel. Wenn der Tautropfen keine Schale fände, die ihn auffängt, fiele er ins Meer und würde in bitteres Salzwasser verwandelt. Wenn ihn aber die Schale der Perlmutter aufnimmt, wird er in eine Perle verwandelt. Ebenso wurde die heilige Jungfrau in das Meer dieser Welt geschickt auf dem gewöhnlichen Weg der Zeugung, wurde aber vor dem Salzwasser der Verderbnis der Sünde bewahrt. Sie mußte diesen einzigartigen Vorzug haben, weil es untragbar wäre, daß der Teufel Unserem Herrn vorhalten könnte, ihm sei jene dienstbar gewesen, die ihn in ihrem Schoß getragen hat. Aus diesem Grund erwähnt das Evangelium weder Vater noch Mutter der seligsten Jungfrau, sondern nur Josef, den Bräutigam einer Jungfrau namens Maria, von der Jesus geboren ist (Mt 1,16). So hatte ihre Seele durch eine besondere Gnade nichts von ihren Eltern an sich, wie es bei den anderen Geschöpfen gewöhnlich ist.

Sagen wir nun etwas über die Verehrung, die wir für die heilige Jungfrau haben müssen. Die Weltleute stellen sich gewöhnlich vor, die Verehrung Unserer lieben Frau bestehe darin, einen Rosenkranz am Gürtel zu tragen, und es scheint ihnen zu genügen, davon einen Teil zu beten, ohne sonst etwas zu tun. Darin täuschen sie sich sehr. Unsere teure Herrin will ja, daß man tut, was ihr Sohn befiehlt (Joh 2,5), und sie betrachtet als ihr selbst erwiesen die Ehre, die man ihrem Sohn erweist, wenn man seine Gebote beobachtet.

Dafür gibt es Beispiele. Ich will mich damit begnügen, davon eines oder zwei zu nennen. Als die Mutter des Kaisers Nero, dieses Unmenschen, der die Kirche Gottes so schwer verfolgt hat, mit ihm schwanger war, ließ sie die Zauberer und Wahrsager kommen, um zu erfahren, was aus ihrem Kind werde. Als sie befragt wurden, wahrsagte einer von ihnen, dieses Kind werde Kaiser sein, herrschen und groß sein. Ein anderer jedoch, der bemerkte, daß ihr das schmeichelte, sagte ihr, er werde wirklich Kaiser sein, doch sobald er es sei, werde er sie töten lassen. Da antwortete diese bedauernswerte Mutter: Das macht nichts, „wenn er nur herrscht“ (Tacitus). Seht, wie die stolzen Herzen nach Ehren und Vergnügungen verlangen, die ihnen oft schädlich sind. Wir haben ein anderes Beispiel im 1. Kapitel des 1. Buches der Könige. Dort wird berichtet, daß die Königin Batseba David aufsuchte und vor ihm mehrere Kniefälle und Ehrenbezeugungen machte. Als der König das sah, erkannte er, daß sie etwas begehrte, und fragte sie, was sie wünsche. Batseba antwortete: Herr, daß mein Sohn nach dir König sei. Wenn nun die Mütter natürlicherweise so sehr wünschen, daß ihre Kinder herrschen und geehrt werden, mit wieviel mehr Recht dann Unsere liebe Frau, die weiß, daß ihr Sohn Gott ist. Die Ehre des Sohnes ist auch die der Mutter.

Doch sagen wir zu unserem Trost noch dieses Wort. Ihr, meine lieben Schwestern, habt die Welt verlassen und euch unter die Schirmherrschaft der seligsten Jungfrau gestellt. Wenn ihr sie fragt: Hohe Frau, was ist dein Wunsch, daß wir für dich tun sollen?, wird sie euch ohne Zweifel antworten, sie wünsche und wolle, daß ihr tut, was sie bei der bekannten Hochzeit zu Kana in Galiläa, wo der Wein ausging, zu tun empfohlen hat. Dort sagte sie zu denen, die dafür zu sorgen hatten: Tut alles, was euch mein Sohn sagen wird (Joh 2,5). Wenn ihr also treu auf sie hört, werdet ihr in eurem Herzen vernehmen, daß sie euch das gleiche Wort sagt: Tut alles, was euch mein Sohn sagen wird. Gott schenke euch diese Gnade, das zu vernehmen in diesem und im anderen Leben. Amen.


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