Zum Fest der unbefleckten Empfängnis

(Entwurf) Dijon, 8. Dezember 1608 (OEA VIII,28-31; DASal 9,134-136)

Mein Geliebter ist mein und ich bin sein. Er weidet unter Lilien, bis der Tag anbricht und die Schatten weichen (Hld 2,16f).

Die große Liebe, die Unser Herr für Unsere liebe Frau hegt, durch die er vollkommen der Ihre wird, ist die Ursache, daß umgekehrt Unsere liebe Frau ganz die Seine ist und folglich keine Sünde begehen konnte. Die göttliche Majestät will, daß wir ihr ganz gehören. Ihr seht, ich will eine Predigt ganz voll Liebe halten, aber ich kann das nicht, wenn nicht der Heilige Geist, die himmlische Liebe, mich beseelt und wenn mir diese Gnade nicht durch jene erwirkt wird, die von ihm mehr Liebe empfangen hat als irgendein Geschöpf.

Alle Kirchenväter bestätigen, daß mit den Worten des Hoheliedes die gegenseitige Liebe zwischen Bräutigam und Braut beschrieben wird. Darin gibt es keine Schwierigkeit. Da ist die Liebe des Bräutigams zur Braut: Mein Geliebter ist mein; und der Braut zum Bräutigam: und ich bin sein. Da nun Christus der Bräutigam ist, laßt uns, obwohl es nicht den geringsten Zweifel an seiner Liebe gibt, zu unserem Trost die Erweise der Liebe Christi gegen seine Mutter sehen. Das erste Zeichen der Liebe ist die affektive Einheit, d. h. die Einheit des Willens. Daher sagt Christus (Joh 14,23): Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort bewahren. 1 Joh 2,4: Wer sagt, er liebe Gott, aber seine Gebote nicht hält, der ist ein Lügner. Apg 3,32: Sie waren ein Herz und eine Seele. 1 Sam 18,1: Die Seele Jonatans war mit der Seele Davids verschmolzen. Deshalb lobt Augustinus (Bekenntnisse 4,6) jenen, der vom Freund sagt, er sei „die Hälfte seiner Seele“; denn durch die Zuneigung ist der Freund das zweite Ich. Ich kann mir aber nicht versagen, zwei Dinge anzuführen: einerseits die Geschichte dieser Freundschaft des Augustinus, andererseits den Widerruf jener Worte im 6. Kapitel: „Der von der Hälfte sprach“, ist Horaz (Retract. II,6), der von Vergil, als er zur See fuhr, sagte: „Achte auf die Seele, die die Hälfte der meinen ist“ (Carm. I,3,8).

Wie aber ist Christus mit der Mutter eins geworden? Lk 2,51: Er war ihnen untertan, um stets ihren Willen wie den der vielgeliebten Braut zu erfüllen. Sie war umgekehrt Christus aufs engste verbunden: Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz (Hld 8,6). Ich schlafe, aber mein Herz wacht (5,2). Das gilt vom Herzen der seligsten Jungfrau für Christus; ebenso das andere (Lk 2,35): Deine Seele wird das Schwert des Schmerzes durchbohren. Hugo versteht darunter die Seele Christi, die die Seele Marias ist; daher steht sie beim Kreuz, an Gitter gebunden ... wie eine Lilie unter Dornen (Hld 7,6; 2,2).

Das zweite Zeichen der Liebe ist das innigste Anhangen, entsprechend dem Philipperbrief (1,7): Weil ich euch in meinem Herzen trage. Die Seele Jonatans war verschmolzen. Ps 63,9: Meine Seele haftet an dir. Ps 73,28: Es ist gut für mich, Gott anzuhangen. So war die Liebe zwischen Noomi und Rut (1,14-18). Daher war die Vereinigung Christi mit der seligsten Jungfrau die innigste überhaupt, folglich auch die der seligsten Jungfrau mit Christus. Daher gilt von ihr: Mein Geliebter ist mein. Hld 3,2: Ich will ihn suchen, den meine Seele liebt. Röm 8,35: Wer wird uns trennen von der Liebe Christi? Gal 2,19: Mit Christus bin ich ans Kreuz geheftet.

Das dritte Zeichen ist die Ekstase oder Entrückung. Dionysius Areopagita sagt, daß Christus in Ekstase geriet, als er in den Schoß der Jungfrau kam. Sir 24,3: Ich bin aus dem Mund des Allerhöchsten hervorgegangen vor aller Schöpfung. Umgekehrt geriet auch die seligste Jungfrau außer sich. Phil 1,21: Für mich bedeutet leben Christus, sterben ist mir Gewinn. Gal 2,20: Ich lebe, aber nicht mehr ich. Darauf bezieht sich Hugos Gedanke.

Das vierte Zeichen ist der Eifer, von dem es zwei Arten gibt: den Eifer des Begehrens, z. B. jener, die nach Würden streben; da er sich auf ein begrenztes Gut richtet, heißt er Neid. Der Eifer der Freundschaft hält das Böse vom Freund fern. Diesen Eifer besaß die seligste Jungfrau im höchsten Grad; für das Haus Gottes. 2 Kor 11,29: Wer nimmt Anstoß, ohne daß ich entbrenne? Der Eifer Christi für die seligste Jungfrau. Hld 8,6: Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz. Hld 4,12: Der verschlossene Garten. Hld 2,15f: Fangt die kleinen Füchse, die den Weinberg verwüsten, denn mein Weinberg blüht bereits. Mein Geliebter ist mein.


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