„Frömmigkeit auf dem Prüfstand, Christen-TÜV“

Liebe Schwestern und Brüder,

der ehemalige Rektor der Wiener Kunstakademie Arik Brauer schrieb vor einigen Jahren ein Lied mit dem Titel „Auto unser, das du bist“. Darin kritisiert er die besondere Beziehung des Menschen zum Auto. Es heißt da etwa: „Unser neuer Gott hat Räder, der neue Gott hat Blech. Sein Geruch ist unverkennbar, die Stimme so frech. Fliegt nicht lebendig im Himmel herum, ist nicht einmal aus Gold, er wurde viel zu teuer gekauft und viel zu hoch verzollt. Auto unser, das du bist.“

Es gibt wirklich solche Menschen, die ihr Auto mit äußerster Hingabe hegen und pflegen und polieren als wäre es das Liebste, das sie auf der Welt haben. Sie machen dieses Auto zu ihrem Gott, an dem sie ihr Herz hängen. Die Erkenntnis jedoch, die man aus dieser Erfahrung ziehen kann, ist allgemein gültig: Das, was uns am Herzen liegt, das pflegen wir auch, darum kümmern wir uns.

Da es nun auch manche Menschen gibt, die dem Auto einen geringeren Stellenwert in ihrem Leben beimessen, bzw. es für das halten, was es in Wahrheit ist: nämlich eine Maschine, die dem Menschen bei seiner Fortbewegung nützlich sein kann, und weil dieses Auto trotzdem Pflege braucht, um keine Gefährdung für andere Verkehrsteilnehmer darzustellen, wurde die Pflege des Autos sogar gesetzlich vorgeschrieben: Es gibt den TÜV, zu dem jeder Autobesitzer mit seinem Gefährt muss, wo das Auto sorgfältig überprüft wird, und wo einem gesagt wird, was man alles reparieren und ausbessern muss. Und bevor diese Reparaturen nicht geschehen sind, wird das Auto nicht mehr zugelassen. Solche Überprüfungen sind ungeheuer sinnvoll, wenn man bedenkt, was geschehen kann, wenn eine Funktion des Autos ausfällt. Erst letzte Woche gab es in Eichstätt einen schweren Unfall, bei dem eine 37jährige Frau unschuldig starb, weil beim Lastwagen, der hinter ihr fuhr, die Bremsen versagten. Um also Totalschäden zu vermeiden, werden Geräte wie das Auto, aber natürlich wie vieles andere mehr, überprüft. Firmen richten sogar eigene Kunden- und Service-Dienste ein, die der Verbraucher nicht nur in Anspruch nehmen kann, sondern auch soll.

Ähnliches gilt nun auch für unseren Körper. Die Gesundheitskontrolle, der Zahnarztbesuch ist in unseren Tagen auch schon fast zu einer gesetzlichen Vorschrift geworden, weil uns die Ärzte einfach immer wieder sagen, dass Früherkennung die beste Methode für eine Heilung ist. Und wie oft geschieht es, dass wir in unserem Bekanntenkreis hören: „Der ist zu spät zum Arzt gegangen, jetzt kann man ihm nicht mehr helfen. Die Krankheit ist zu weit fortgeschritten.“

All das sind für uns Menschen Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir ohne Schwierigkeiten einsehen und akzeptieren. Warum aber, frage ich mich, gilt nicht die selbe Einsicht auch für den Bereich unserer Seele, unseres Glaubens, unseres Christseins. Auch unsere Seele braucht den TÜV, braucht die Überprüfung, braucht Reparaturen, damit es nicht irgendwann einmal zu einem Totalschaden kommt. Nur der Mensch findet für diese Art Prüfstand kaum Zeit. Weil der hl. Franz von Sales von dieser ständigen Überprüfung und Erneuerung unseres Glaubens und unserer Frömmigkeit überzeugt ist, rät er uns auch dazu. Er sagt: „Vor allem gilt es, die Wichtigkeit dieser Erneuerung zu erkennen. Die menschliche Natur sinkt nämlich in folge ihrer Schwächen und schlechten Neigungen leicht von der Höhe ihrer guten Empfindungen herab. Deshalb muss du oft deinen Entschluss erneuern, Gott zu dienen, sonst fällst du in den früheren Zustand zurück oder noch tiefer. Denn das ist ja das eigenartige im geistlichen Leben: wenn wir abzugleiten beginnen, fallen wir gewöhnlich tiefer als bis zu dem Zustand, von dem wir zur Frömmigkeit aufgestiegen sind.“

Um seine Meinung zu unterstreichen, weist er seine Leserinnen und Lesern ebenfalls auf ein Beispiel aus dem Bereich der Technik, nämlich die Wartung von Uhren, die man immer wieder machen muss, auch wenn die Uhr noch so gut und genau gegangen ist.

Heute könnte man also sagen: So wie jedes Auto zum TÜV muss und so wie jede Maschine Wartung und Service braucht, genauso wichtig und notwendig ist es, dass die Seele Einkehr hält und den Stand ihres geistlichen Lebens überprüft und erneuert.

Für diese Überprüfung unseres Glaubenslebens gibt nun Franz von Sales wieder ganz konkrete Schritte an:

1. Erstens: Diese Überprüfung soll wenigstens einmal im Jahr mehrere Tage dauern und in möglichst großer Stille und Ruhe geschehen. Und: Alles soll ohne seelische und körperliche Anstrengung geschehen.“ Die Betreuung durch einen geistlichen Begleiter ist ratsam.

2. Zweitens: In diesen Besinnungstagen soll man sich erneut bewusst machen, welche Gnade es ist, Christ sein zu dürfen, welches Geschenk Gottes es ist, dass er uns in seine Nachfolge als Christen berufen hat. Wörtlich schreibt er: „Nehmen sie sich das wieder einmal zu Herzen: Gott dachte in seiner Güte an dich, er liebte dich und verschaffte dir so viele Mittel zum Heil, als gäbe es sonst keine Seele auf dieser Welt, an die er dächte.“

3. In einem dritten Schritt empfiehlt uns Franz von Sales, die praktische Umsetzung unseres Christlichen Lebens in den Alltag zu prüfen: Wie verhalte ich mich in meinem Leben Gott gegenüber? Wie verhalte ich mich mir selbst gegenüber? Wie verhalte ich mich gegenüber meinen Mitmenschen? Und wie sieht es mit meinen Gefühlen aus: mit meiner Liebe, meinem Hass, meinem Verlangen, meiner Furcht, Hoffnung, Traurigkeit, Freude usw.

4. Als abschließenden vierten Schritt gibt er uns den Rat, aufgrund unserer gewonnenen Erkenntnisse, aufgrund unserer Entdeckungen von Fehlern und Schwächen, aber auch unserer Stärken, ganz konkrete Vorsätze für das Leben zu machen und Gott darum zu bitten, in der Umsetzung dieser Vorsätze behilflich zu sein.

Das ist der TÜV unserer Frömmigkeit, den uns Franz von Sales rät, ein Rat, den sogar Jesus Christus immer wieder befolgte. Im Evangelium hörten wir ja davon, dass er sich auf einen Berg zurückzog um zu beten, um sich wieder mit Gott, seinem Vater, auseinanderzusetzen, damit er seinem Willen gemäß Entscheidungen fällt. Die Folge dieser Besinnungszeiten Jesu wird am Ende des Evangeliums großartig beschrieben: „Es ging eine Kraft von ihm aus“ - heißt es dort - „ein Kraft, die alle heilte.“

Wenn wir Christen also in unserem geistlichen Leben keinen Schiffbruch erleiden wollen, dann sind solche Tage der Besinnung und Einkehr, einfach notwendig. Und wenn uns an einem Fortschritt unseres Christseins liegt, dann finden wir auch Zeit dazu, genauso wie ein Autofahrer, der sein Herz an sein Auto gehängt hat, sehr viel Zeit findet, um dieses Auto zu hegen und zu pflegen, mehr als gesetzlich vorgeschrieben und notwendig ist.

Es kommt also auf uns an, ob wir solche Tage der Besinnung wollen und durchführen. Franz von Sales wurde aufgrund seiner Ratschläge zu einem Motor der Erneuerungsbewegung in seiner Zeit, weil er diese Tage der Einkehr auf ein Niveau brachte, das für die Menschen von damals nachvollziehbar wurde. Er trug dadurch in großem Maße zur geistlichen Erneuerung seiner Umwelt bei. Heute - so glaube ich - täte uns eine solche Erneuerung ebenso wieder einmal gut. Amen.

Herbert Winklehner OSFS


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