PREDIGT zum 14. Sonntag i. Jk. - LJ C

"Berufung zur Heiligkeit" (Lk 10,1-9)

Liebe Schwestern und Brüder,

Beim Evangelium des heutigen Sonntags denkt man im Zusammenhang mit den Reliquien des heiligen Franz von Sales und der heiligen Johanna Franziska von Chantal natürlich sofort an jene vier Jahre, in denen Franz von Sales als Missionar im Chablais, einem Teil seiner Diözese Genf, unterwegs war, um die Menschen für den katholischen Glauben zurückzugewinnen. Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter … sagt Jesus … und ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.

Ja, so ist es Franz von Sales tatsächlich ergangen. Er war wirklich einige Monate völlig auf sich allein gestellt, um den Menschen, die ihm sehr feindselig gestimmt waren, den katholischen Glauben zu predigen. Es war ein lebensgefährliches Unternehmen, weil die politischen Führungskräfte den Menschen unter Strafe verboten, zu den Predigten des Franz von Sales zu kommen. Es gab auch einige Attentate auf sein Leben. Franz von Sales ließ sich davon nicht einschüchtern, im Gegenteil, er startete sogar so etwas wie eine Medienkampagne, würde man heute jedenfalls sagen. Wenn die Leute nicht zu mir kommen dürfen, dann lass ich eben meine Predigten auf Flugblätter drucken – und verteile diese in den Häusern und hänge sie auf offenen Plätzen aus. Und das hat funktioniert. Franz von Sales schrieb so spannend und so gewinnbringend über den Glauben, dass die Menschen mehr und mehr das Verbot der Politiker missachteten und direkt zu den Predigten kamen. Schließlich nach vier Jahren unermüdlicher Tätigkeit hatte er die Menschen dieses Landstriches seiner Diözese zum katholischen Glauben zurückgebracht. Dieser Erfolg machte ihn nicht nur berühmt und brachte ihm den Titel „Apostel des Chablais“ ein, sondern genau deshalb wird Franz von Sales heute auch als Patron der Journalisten und Schriftsteller verehrt.

Wenige Jahre später gründete Franz von Sales zusammen mit der heiligen Johanna Franziska von Chantal die Schwestern von der Heimsuchung Mariens … ebenso mit dem Auftrag, dass diese Schwestern den Menschen mit Hilfe ihres Dienstes der Nächstenliebe – des Sorgens um die Kranken und Armen – verkündeten: Das Reich Gottes ist nahe. Franz von Sales meint, dass die Schwestern damit ein wahres Apostelamt ausüben. Wörtlich sagte er ihnen einmal: „Ihr seid zum Apostelamt fähig … auch ihr könnt Gott in gewissem Sinne ebenso viele Dienste leisten und ebenso viel zu seiner Verherrlichung beitragen, wie die Apostel. Meine lieben Töchter, ihr habt wahrlich allen Grund, euch von Herzen darüber zu freuen, dass sich Gott euer für ein so hervorragendes Werk bedienen will; ihr habt allen Grund, euch als hochgeehrt von seiner göttlichen Majestät anzusehen, da Gott von euch dasselbe erwartet, was er auch von seinen Aposteln verlangt und wozu er sie in die Welt ausgesandt hat, dasselbe, wozu der Herr selbst in die Welt gekommen ist ... Kümmert euch nicht darum, ob euren Mühen die reiche Ernte beschieden wird, die ihr erwartet. Von euch verlangt man nur das Bestellen des ausgedorrten, unfruchtbaren Erdreiches, nicht den Ertrag. Man fragt nicht, ob ihr geerntet, sondern nur, ob ihr euch um sorgfältige Aussaat bemüht habt.“

Wenn also Jesus Christus von den Arbeitern im Weinberg des Herrn spricht und meint, dass die Ernte groß, aber nur wenige Arbeiter vorhanden sind … dann verstand Franz von Sales darunter nicht nur den Beruf des Priesters oder Bischofs, sondern die Berufung eines jeden Christen an dem Ort, an den Gott ihn hingestellt hat. Das wurde zum Markenzeichen seiner Theologie: ein jeder Christ, egal welchen Standes, ob unverheiratet oder verheiratet, Priester, Ordensfrau oder Mutter … ein jeder Christ ist dazu berufen, am Aufbau des Reiches Gottes mitzuarbeiten. Die heilige Johanna Franziska von Chantal ist eine der wenigen Heiligen in der Kirchengeschichte, die diese Aufgabe wirklich in allen Ständen in die Tat umgesetzt hat: als Jugendliche, als Ehefrau und Mutter, als Witwe und schließlich als Ordensfrau: In allem war sie ein wahrer Apostel des Herrn.

Wir sind heute sehr leicht versucht zu meinen, die Aufgabe der Glaubensverkündigung wäre die Aufgabe der Profis: also der Bischöfe, Priester, Diakonen und all jener, die Theologie studiert haben und als Religionslehrer, Pastoralassistenten oder Gemeindereferenten tätig sind. Das entspricht allerdings nicht der Theologie des heiligen Franz von Sales, der einen jeden Christen dazu befähigt hält, ein wahres Apostelamt auszuüben. Wenn uns das wieder bewusst wird, wenn wir heute in unserer Mitte die Reliquien von Franz von Sales und Johanna Franziska verehren, dann wäre das wirklich eine gute Sache: Ich bin als Christ berufen, dort wo ich lebe und arbeite, am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken. Das hat übrigens auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. bei einer Generalaudienz am 2. März 2011 in Rom über Franz von Sales betont. Wörtlich sagte er da: Mit Franz von Sales „war die Berufung der Laien geboren, die weltlichen Güter zu segnen und den Alltag zu heiligen, wie das Zweite Vatikanische Konzil und die Spiritualität unserer Zeit betonen.“

So wünsche ich uns, dass wir alle unserer Berufung treu bleiben – denn es gilt noch immer, was Christus im heutigen Evangelium sagt: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Amen.

Herbert Winklehner OSFS


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